Schriften der historischen Gesellschaft zu Berlin

Herausgegeben von Dietrich Schaefer

Heft 1

 

 

 

 

Die Marneschlacht

 

 

 

 

von

Prof. Dr. Walther Schultze

Abteilungsdirektor an der Preußischen Staatsbibliothek

Zweite umgearbeitete Auflage

Berlin

Weidmannsche Buchhandlung 1923

 

 

Vorwort.

 

Die historische Gesellschaft hat lange gewuenscht, Vortraege und Schriften ihrer Mitglieder veroeffentlichen zu koennen. Das weitgehende entgegenkommen der Weidmannschen Buchhandlung hat trotz der Schwierigkeit der Zeitverhaeltnisse einen Versuch ermoeglicht. Sein Gelingen haengt zunaechst von der Haltung der Mitglieder der Gesellschaft ab; wir duerfen aber vielleicht hoffen, ihr durch diesen Versuch auch neue Freunde zu gewinnen. Der im ersten Heft behandelte Gegenstand bestaerkt in solchen Hoffnungen. Moechten der ersten bald weitere Schriften folgen koennen !

Berlin-Steglitz, den 10. Dezember 1921.

Der Vorsitzende

Dietrich Schaefer.

 

Seit der ersten Veroeffentlichung dieser Studie sind weitere wertvolle Quellenpublikationen erschienen: die Denkwuerdigkeiten des Kronprinzen und Moltkes und die von Mueller-Loebnitz mitgeteilten Akten ueber die Sendung von Hentsch bestaetigen im wesentlichen durchaus die von mir gegebene Darstellung und Auffassung, modifizieren sie nur in einem Punkte: der Anteil von Hentsch an der verhaengnisvollen Entscheidung in Montmort ist nach seinem ersten, uns jetzt durch Mueller-Loebnitz zugaenglich gemachten Bericht bedeutend groeßer, als man bisher annehmen durfte: es faellt ihm nicht bloß passives Geschenlassen, sondern unheilvolles aktives Eingreifen im entscheidenden Moment zur Last. Weit mehr noch, als man bisher glauben musste, erscheint darnach Hentsch als derjenige, den in erster Linie die Schuld dafuer trifft, dass schon am Morgen des 9. September der Rueckzug der 2. Armee beschlossen wurde. Entsprechend dem neu uns bekannt gewordenen Quellenmaterial hat der Abschnitt ueber die Entstehung des Rueckzugbefehls eine vollstaendige Umarbeitung erfahren, waehrend ich im uebrigen mich auf kleine aenderungen und Ergaenzungen beschraenken konnte.

Walther Schultze.

 

 

 

 

Heeresbericht vom 10. September 1914: „Die oestlich Paris in der Verfolgung an und ueber die Marne vorgedrungenen Heeresteile sind aus Paris und zwischen Meaux und Montmirail von ueberlegenen Kraeften angegriffen. Sie haben in schweren zweitaegigen Kaempfen den Gegner aufgehalten und selbst Fortschritte gemacht. Als der Anmarsch neuer starker feindlicher Kolonnen gemeldet wurde, ist ihr Fluegel zurueckgenommen worden. Der Feind folgt an keiner Stelle. Als Siegesbeute dieser Kaempfe sind bisher 50 Geschuetze und einige tausend Gefangene gemeldet. Die westlich Verdun kaempfenden Heeresteile befinden sich in fortschreitendem Kampfe." Dazu ein Nachtrag vom selben Tage: „Der deutsche Kronprinz hat heute mit seiner Armee die befestigte feindliche Stellung suedwestlich Verdun genommen. Teile der Armee greifen die suedlich Verdun liegenden Sperrforts an. Die Forts werden seit gestern durch schwere Artillerie beschossen." Dann erst wieder am 13. September: „Auf dem westlichen Kriegsschauplatz haben die Operationen zu einer neuen Schlacht gefuehrt."

 

Literatur.

 

Das ist alles, was von deutscher Seite amtlich oder halbamtlich je ueber die Marneschlacht publiziert wurde. Ja in den amtlichen aeußerungen begegnet dieser Name ueberhaupt nicht. Es ist bezeichnend, dass in der 1918 „im Auftrag des Generalstabes des Feldheeres" begonnenen Sammlung „Der große Krieg in Einzeldarstellungen" zwar ein Heft 7 fuer die „Schlacht am Ourcq", keins aber fuer die Marneschlacht in Aussicht genommen war.

 

Als 1916 eine Schrift erschien „Die Schlachten an der Marne, 6. bis 12. September 1914" (Berlin), die in durchaus unanstoeßiger Weise den Verlauf der Schlacht schilderte, die taktischen Erfolge betonte, verfiel sie sofort dem Verbot des militaerischen Zensors. Diesem war freilich entgangen, dass es sich nur um einen Separatabdruck aus dem Werke Friedrich Max Kircheisens „Das Voelkerringen" handelte, das anstandslos die Zensur passiert hatte, so dass dort jeder die verbotene Darstellung lesen konnte. Merkwuerdigerweise wurde auf franzoesischer Seite die Schrift teils fuer ein Werk aus der Umgebung oder dem Stab Klucks, teils sogar direkt fuer offizioes, fuer von der Obersten Heeresleitung ausgegangen gehalten und deshalb einer uebersetzung gewuerdigt (Une version allemande de la Marne. Les batailles de la Marne par un officier d'etat-major allemand. Traduit par Th. C. Buyse. Bruxelles et Paris 1917).

 

Da die deutsche Literatur so versagte, oder richtiger zurueckgehalten wurde, war der Forscher auf die auslaendische angewiesen. Auch diese setzte merkwuerdigerweise, abgesehen von sachlich unbedeutenden Arbeiten, nicht sehr bald ein, begann vielmehr erst mit dem Jubilaeum der Schlacht 1915. Dann aber erschienen in rascher Folge eine ganze Reihe von Schriften, die es wenigstens ermoeglichten, uns von dem aeußeren Verlauf der Schlacht ein Bild zu machen. Ich nenne so Pierre Dauzet, De Liege a la Marne, Paris 1915; Gustav Babin, La bataille de la Marne, Paris 1915; Emile Henriot, La bataille de la Marne, Paris 1915; Louis Madelin, La victoire de la Marne, Paris 1916; Jules Maze, Les champs de bataille de l'epopee. 1. La Marne. Paris 1917. Nach einiger Zeit aber gesellten sich zu diesen rein erzaehlenden, von einem großen franzoesischen Sieg berichtenden Werken andere, bei denen man erstaunt aufhorchte. So zuerst Charles Le Goffic, Les marais de Saint-Gond, Paris 1917: mit Verwunderung ersah man, dass im Zentrum, bei Foch, am 8. und 9. September die Lage sehr uebel war, die Entscheidung direkt auf des Messers Schneide stand. Das Werk von Paul Henry Courriere, Comment fut sauve Paris. L'Ourcq. Paris 1918, zeigte, dass es bei Maunoury nicht anders war, dass hier von einer Niederlage Klucks nicht die Rede sein konnte, dass vielmehr umgekehrt Maunoury von einer Umfassung bedroht war, dass es sich fuer ihn um einen Kampf nicht mehr um Sieg, sondern um Abwehr handelte.1). Durch die immer eingehendere sowohl franzoesische wie englische militaerische Kritik — ich nenne F. Canonge, La bataille de la Marne, Paris 1918; Barth. Edm. Palat, La victoire de la Marne (== La grande guerre sur le front occidental. T. 6), Paris 1920; F. E. Whitton, The Marne campaign, London 1917; F. Maurice, Forty days in 1914, London 1919; George Herbert Perris, The battle of the Marne, London 1920 — wurde bestaetigt, dass die militaerische Lage fuer die Franzosen am 9. September keineswegs so glaenzend war, dass sich aus ihr der deutsche Rueckzug erklaerte. Dieser Rueckzug wurde vielmehr, je objektiver und aufschlussreicher die auslaendische Literatur wurde, um so mehr ein Raetsel, schien offenbar den franzoesischen und englischen fachkundigen Kritikern selbst ein Raetsel, das sie nur, so gut es ging, durch allerlei Hypothesen zu erklaeren suchten, von denen dann immer der eine die des andern als nicht stichhaltig dartat2).

 

Da setzte nun endlich 1919 die deutsche Literatur ein. Zum ersten mal brach das Werk von Artur Baumgarten-Crusius, Die Marneschlacht, Leipzig 1919, das Schweigen; hier zuerst erfuhr man etwas ueber die verhaengnisvolle Rolle von Hentsch. Nacheinander ergriffen dann die Oberbefehlshaber der 2. (v. Buelow, Mein Bericht zur Marneschlacht, Berlin 1919), der 3. (Freiherr v. Hausen, Erinnerungen an den Marnefeldzug, Leipzig 1920), der 1. (A. v. Kluck, Der Marsch auf Paris und die Marneschlacht, Berlin 1920) und der 5. Armee (Kronprinz Wilhelm, (Erinnerungen, Stuttgart 1922; Meine Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf, Berlin 1923) das Wort. Aber auch ueber die Auffassungen der Obersten Heeresleitung blieb man nicht lange im dunklen. Zuerst wurden sie durch den Chef der Operationsabteilung Tappen dargelegt (Bis zur Marne, Oldenburg 1920). Schon vorher waren „Betrachtungen und Erinnerungen" des Generalstabschefs selbst, H. von Moltkes angekuendigt, doch wurden sie, bereits gedruckt, im letzten Moment wieder zurueckgezogen. Dafuer wurden etwas spaeter seine Aufzeichnungen und Briefe von seiner Gemahlin herausgegeben (Generaloberst Helmut v. Moltke, Erinnerungen, Briefe, Dokumente, Stuttgart 1922). Frueher noch als Moltke war ein anderer Hauptbeteiligter, Oberstleutnant Hentsch vom Tode hinweggerafft worden, doch hatte auch er Aufzeichnungen hinterlassen. Die wesentlichen Stuecke seines ausfuehrlicheren Berichts ueber seine Sendung veroeffentlichte Artur Baumgarten-Crusius (Deutsche Heerfuehrung im Marnefeldzug, Berlin 1921). Vollstaendig wurden dann seine beiden Berichte zusammen mit allem sonstigen erhaltenen archivalischen Material ueber sein Eingreifen von Wilhelm Mueller-Loebnitz (Die Sendung des Oberstleutnants Hentsch am 8. bis 10. September 1914. Forschungen und Darstellungen aus dem Reichsarchiv, Heft 1, Berlin 1922) herausgegeben. Damit liegen, abgesehen von dem Befehlshaber der 4. Armee, von allen auf deutscher Seite in maßgebenden Stellungen an der Marneschlacht Beteiligten authentische Aufzeichnungen vor. Das reiche neu bekannt gewordene Material gab auf verschiedenen Seiten zu kritischer Betrachtung Anlass, so insbesondere Hermann v. Francois (Marneschlacht und Tannenberg, Berlin 1920), Wilhelm Mueller-Loebnitz (Der Wendepunkt des Weltkrieges, Forschungen zur Marneschlacht, Berlin 1921), H. v. Kuhl (Der Marnefeldzug, Berlin 1921), Baumgarten-Crusius (siehe vorstehend), Eugen Bircher (Beitraege zur Erforschung der Schlacht an der Marne, Heft 1. Die Schlacht am Oureq. Leipzig 1922).

 

Die Literatur ueber die Marneschlacht ist so bereits eine ungemein reiche 3); wertvollstes Material von deutscher wie feindlicher Seite liegt vor, aber es ist so zerstreut und, wenn man es wirklich in seiner Gesamtheit erfassen will, so schwer zu uebersehen, dass es wohl lohnt, einmal in gedraengter Kuerze einen ueberblick zu geben, wie sich gegenwaertig auf Grund des bisher veroeffentlichten Materials unsere Kenntnisse der Schlacht stellen. Es kann und soll dies hier lediglich vom Standpunkte des Historikers aus geschehen, dem es darauf ankommt, zu erkennen, wie die Dinge eigentlich gewesen. Zur militaerischen Kritik, zur Untersuchung, ob die einzelnen Maßnahmen militaerisch richtig gewesen, was haette geschehen koennen, wenn anders gehandelt waere, fehlt mir jede Kompetenz. Eins freilich ist nicht zu verhindern: dass die Tatsachen selbst zur Kritik werden, eine sehr deutliche Sprache reden, der auch der Historiker sich nicht entziehen kann. Sine studio laesst sich die Geschichte der Marneschlacht behandeln, sine ira kann es ein deutscher Historiker nicht.

 

Vorgeschichte der Schlacht.

 

Die deutsche Fuehrung des Anfangsfeldzugs beruhte auf dem Plane Schlieffens. Er wollte mit moeglichst starken Kraeften auf dem rechten Fluegel durch Belgien hindurch umfassen, wollte deshalb alles Entbehrliche aus Lothringen wegnehmen, dort nur schwache Kraefte lassen, um den Feind zu binden. Durch Moltke war dieser Feldzugplan wesentlich geaendert; an Stelle der einfachen Umfassung von rechts trat die doppelte von rechts und von links. Es wurden deshalb die Truppen in Lothringen erheblich verstaerkt, statt der von Schlieffen vorgesehenen 4 1/2 Korps 8 dorthin geworfen. Die Folge war die Schwaechung der zum Angriff bestimmten Hauptmasse: statt 35 1/2 Korps, wie Schlieffen gewollt, blieben fuer sie nur 26 disponibel4). Schlimmer noch war, dass auch die Mitte August verfuegbaren neuen Formationen nach Lothringen und dem Elsass geworfen wurden. Aber damit nicht genug, beschloss die Oberste Heeresleitung, indem sie aus den Schlachten vom 22. bis 25. August den Eindruck gewonnen hatte, dass die Entscheidung im Westen schon siegreich stattgefunden haette5), am 25. August 6 Korps nach dem Osten zu senden: Ludendorff hatte Hilfe nicht gefordert; es war der eigenste Entschluss Moltkes. Er beabsichtigte zunaechst, die Verstaerkungen fuer den Osten der 7. Armee zu entnehmen)6; als diese aber unter Berufung auf ihre Verluste dagegen protestierte, sah er hiervon ab; als verfuegbar wurden jetzt das XI. und das Gardereservekorps bezeichnet; so wurden die sofort nach dem Osten gehenden beiden Korps gerade dem rechten Stoßfluegel entnommen. Wenigstens unterblieb unter dem Eindruck des Sieges von Tannenberg die Entsendung weiterer 4 Korps.

 

Durch alle diese Maßnahmen war der rechte Stoßfluegel, der die Entscheidung zu bringen hatte, in verhaengnisvoller Weise geschwaecht. Es fehlte ihm jede Reserve. Der urspruengliche Schlieffensche Plan war gerade in seinem entscheidenden Punkte fallen gelassen; Hindenburg hat die aenderungen, die Schlieffens Idee in der Praxis Moltkes erfuhr, als Verwaesserung des Grundgedankens der Operationen charakterisiert.

 

Aber auch in der praktischen Ausfuehrung des Feldzugs traten, je weiter der Vormarsch in Feindesland vor schritt, trotz glaenzender Einzelerfolge auch recht unliebsame Erscheinungen zutage. Es zeigte sich mangelndes Einvernehmen zwischen der 1. und 2., der 2. und 3., der 3. und 4. Armee. Es war weniger durch persoenliche Differenzen, als Verschiedenheiten der Grundanschauungen veranlasst. Buelow, der Befehlshaber der 2. Armee, wollte nur von einem Vorgehen und Kampf der Armeen Schulter an Schulter etwas wissen, waehrend die Fuehrer der 1. und 3. Armee, Kluck und Hausen, vor allem eine Umfassung großer feindlicher Heeresteile erstrebten. Durch Mangel an einheitlichem Vorgehen kam es, dass die Franzosen und Englaender in den Augustschlachten bei Mons und S. Quentin wohl geschlagen wurden, sich aber der drohenden Umklammerung stets rechtzeitig entziehen konnten.

 

Nach den ersten Schlachten an der belgischen und Lothringischen Grenze, in denen der Gegner geworfen wurde, hielt die Oberste Heeresleitung zunaechst an dem Gedanken der Umfassung im Westen fest. So noch in der Anweisung vom 28. August, die ein Vorgehen der 1. Armee gegen die untere Seine, der 2. Armee gegen Paris anordnete, somit eine Umfassung westlich von Paris beabsichtigte. Tatsaechlich wurde indes aus der nach Westen ausholenden Bewegung des rechten Stoßfluegels schrittweise mehr und mehr ein Einschwenken nach Sueden; am 31. August hatten die 1., 2. und 3. Armee entschieden Suedrichtung. Die Oberste Heeresleitung gab ausdruecklich ihre Billigung dazu.

 

Dann aber kam am 2. September eine neue Direktive. Als Ziel wurde bezeichnet die Franzosen in suedoestlicher Richtung von Paris abzudraengen; die 1. Armee solle gestaffelt der 2. folgen, weiter den Flankenschutz des Heeres uebernehmen. Es bedeutete das eine wesentliche Modifizierung des urspruenglichen Plans: an Stelle der Umfassung von Westen her trat Abdraengen nach Suedosten an Paris vorueber. Das ueble war, dass diese Weisung vom 2. September die tatsaechliche Lage vollkommen verkannte: die 1. Armee, die der 2. folgen sollte, war ihr in Wirklichkeit um 40 km voraus, da jene nach der Schlacht von S. Quentin einen Ruhetag hatte machen muessen; sie haette, um jene Weisung auszufuehren, zwei Tage stehen bleiben muessen. Unter diesen Umstaenden entschloss sich Kluck, zumal da sein IV. Korps aus eigenem Antrieb die Marne ueberschritten hatte, um dem Ziel der Weisung vom 2. September, der Abdraengung des Feindes nach Suedosten zu entsprechen, gegen ihren Buchstaben zu handeln, nicht stehen zu bleiben, sondern die Verfolgung in der bisherigen Richtung weiter fortzusetzen, also nicht hinter, sondern vor der 2. Armee nach Suedosten vorzugehen. Am 3. September ueberschritt demgemaeß die 1. Armee die Marne zwischen La Ferte-sous-Jouarre und Chateau-Thierry. Man war sich bei ihr der sich rasch zuspitzenden Situation durchaus bewusst: das Oberkommando meldete am 4. September der Obersten Heeresleitung, die 1. Armee sei an der Grenze ihrer Leistungsfaehigkeit angelangt; Hoffnung auf Ausbeutung der bisherigen Erfolge sei jetzt vorhanden, aber baldige Verstaerkung sei dringend erwuenscht; es bat um Mitteilung ueber die Lage bei den anderen Armeen, die ihm bisher nicht gemacht war.

 

Auch die 2. und 3. Armee setzten ihren Vormarsch nach Sueden fort, ueberschritten die Marne einen Tag spaeter, am 4. September, jene bei Dormans-Damery, diese bei Chalons und westlich. Die Richtung des deutschen Vormarsches direkt auf Paris und westlich davon war aufgegeben, die deutschen Armeen schickten sich an, an Paris vorbeizubiegen. Die Fuehlung mit dem Gegner war bei den drei Stoßarmeen so ziemlich verloren gegangen.

 

Da erging am Abend des 4. September eine ausfuehrliche Anweisung der Obersten Heeresleitung, die abermals eine vollkommene aenderung des Operationsplans bedeutete. Sie besagte, der Feind habe sich dem umfassend angesetzten Angriff der 1. und 2. Armee entzogen und Anschluss an Paris erreicht; ein Abdraengen gegen die Schweizer Grenze in Suedostrichtung sei nicht mehr moeglich. Es seien Truppen aus der Linie Toul—Belfort nach Westen befoerdert; es sei damit zu rechnen, dass staerkere Kraefte in der Gegend von Paris zusammengezogen wuerden. Die 1. und 2. Armee muessten jetzt gegenueber der Ostfront von Paris verbleiben und feindlichen Unternehmungen aus der Gegend von Paris offensiv entgegentreten, und zwar die 1. Armee zwischen Oise und Marne, die 2. zwischen Marne und Seine. Die 4. und 5. Armee sollten weiter suchen den Feind nach Suedosten zu draengen und dadurch der 6. und 7. Armee den Weg ueber die obere Mosel oeffnen. Diese beiden letzteren sollten dann bald moeglich zum Angriff zwischen Toul und Epinal vorgehen. Die 3. Armee sollte je nach Lage der Dinge zur Unterstuetzung der 1. und 2. Armee in westlicher Richtung oder zu solcher des linken Heeresfluegels in suedlicher oder suedoestlicher Richtung verwendet werden.

 

Die Direktive bedeutete nichts Geringeres als volles Aufgeben des urspruenglichen, des Schlieffenschen Feldzugplans, ja seine Umkehrung in das direkte Gegenteil. Auf Umfassung des Feindes im Westen, auf sein Abdraengen von Paris wurde verzichtet; der bisherige Stoßfluegel wurde zur Defensive verurteilt, dafuer umgekehrt die Offensive dem linken Fluegel zugewiesen: Abwehrfront vor Paris, Angriff in Linie Toul—Epinal: das war das Gegenteil dessen, was Schlieffen gewollt. Es wirkte hier wohl auf die Oberste Heeresleitung der Einfluss der 6. Armee maßgebend ein, die nach ihrem ersten Siege auch jetzt noch, trotzdem sie sich tatsaechlich schon fest gelaufen, auf weiteres angriffsweises Vorgehen nicht verzichten wollte. In bedenklicher Unterschaetzung der Widerstandskraft der Trouee de Charmes hoffte die Oberste Heeresleitung, indem sie sich die Auffassung der 6. Armee zu eigen machte, durch einen Durchbruch in Lothringen schnell das zu erreichen, was mit der Umfassung im Westen nicht gelingen wollte. Dazu kam, dass die Weisung wieder die tatsaechliche Lage bei den Westarmeen voellig verkannte: die 1. Armee, die zwischen Oise und Marne bleiben sollte, war schon drei Tagesmaersche weiter westlich gekommen, haette, um den Befehl auszufuehren, direkt zurueck marschieren muessen; die 2. Armee, die jenseits der Marne nach Sueden strebte, haette im rechten Winkel umdrehen muessen, um vor die Ostfront von Paris zu kommen.

 

So hatten seit Ende August die Entschluesse der Obersten Heeresleitung staendig gewechselt; statt einheitlich den urspruenglichen Plan durchzufuehren zu suchen, hatte man bald dieses, bald jenes erstrebt, um schließlich bei dem Gegenteil dessen anzukommen, was man zuerst gewollt. Doch nicht ohne Grund hat kein Geringerer als Foch ueber Moltke das harte Urteil gefaellt, mit ihm sei der Schnellzug einem Postkutschenfuehrer anvertraut worden17).

 

Aber die Direktive vom 4. September kam nicht nur hemmend und stoerend fuer die Dinge, wie sie sich tatsaechlich entwickelt hatten, sie kam auch zu spaet; ehe die 1. und 2. Armee auch nur daran denken konnten, zu versuchen, sich mit der neuen ihnen zugewiesenen Aufgabe abzufinden, war die Initiative schon an den Gegner uebergegangen. Frueher, als die Oberste Heeresleitung es erwartet, geschah das, was sie als moeglich angenommen: die franzoesische Offensive, aber nicht bloß aus Paris, sondern auf der ganzen Front. An eben diesem 4. September, wo man in Luxemburg jene alles umwerfende neue Direktive gab, entschloss sich Joffre zum Angriff.

 

Der franzoesische Offensiventschluss.

 

Nach der vulgaeren franzoesischen Ansicht — die zuletzt insbesondere in sehr eingehender Darstellung von Gabriel Hanotaux (Histoire illustre de la guerre de 1914, Tome 8 ff., Paris 1919/20) dargelegt und verteidigt ist — waere dieser Angriffsentschluss Joffres der Ausfluss und Abschluss zielbewussten einheitlichen Handelns: nach den Augustniederlagen an der belgischen und Lothringischen Grenze habe sich jener zu einem strategischen Rueckzug entschlossen in der festen Absicht, sobald die Lage es erlaube, wieder die Offensive zu ergreifen; dieser Rueckzug sei konsequent durchgefuehrt, bis der Linksabmarsch der deutschen Armeen die gewuenschte aenderung der strategischen Situation brachte; sofort habe da Joffre die Gunst des Augenblickes richtig erkannt und den Angriff angeordnet. In Wirklichkeit stellen sich die Dinge doch sehr anders dar.

 

Am 25. August entschloss sich Joffre in der Erkenntnis, dass die beabsichtigte Offensive gescheitert, dass eine Fortsetzung des Kampfes sein Heer in eine sehr ueble Lage bringen koenne, dazu, den Rueckzugbefehl ergehen zu lassen; er sollte die Moeglichkeit zu einer Neugruppierung und Rekonstituierung des linken Fluegels geben, um dann die Offensive wieder aufzunehmen; zugleich sollte in der Gegend von Amiens eine neue 6. Armee gebildet werden, die ihrerseits moeglichst bald die Offensive ergreifen sollte. Weit entfernt, nun diesen Rueckzug konsequent durchzufuehren, bis die beabsichtigte Neugruppierung erfolgen konnte, entschied sich Joffre, als ihm bekannt wurde, dass die Deutschen betraechtliche Truppen nach dem Osten entsendet, schon am 28. bis 30. August fuer eine neue Offensive. Sie misslang vollstaendig. Die 5. Armee entging bei S. Quentin nur mit Muehe der Umklammerung. Auch die neugebildete 6. Armee wurde von Kluck bei Combles und Santerre geschlagen, musste in der folgenden Woche von Amiens bis Dammartin zurueckgehen.

 

Aber auch jetzt noch dachte Joffre keineswegs daran, den strategischen Rueckzug konsequent durchzufuehren; schon am 31. August stellte er an French das Verlangen, stehen zu bleiben. Er traf auf taube Ohren. French hatte am 30. August sehr unguenstig nach London berichtet: er habe kein Zutrauen zu der Faehigkeit der franzoesischen Fuehrer; ihm sei zugesetzt, in der Kampflinie zu bleiben, er habe es abgelehnt, er wolle die englischen Truppen weit zuruecknehmen, wolle hinter die Seine gehen und acht Tage rueckwaerts marschieren. Sofort telegraphierte Kitchener an French zurueck, dass er von seinem Entschluss sehr ueberrascht sei8). Am 31. August fand ein Kabinettsrat statt: das Resultat war ein Telegramm an Frech, die Regierung fuerchte, dass bei einem weiteren Rueckzug die englischen Truppen nicht imstande sein wuerden, mit den Verbuendeten eng zusammenzuwirken. French solle so weit wie moeglich den Plaenen Joffres sich anpassen. French blieb bei seiner Meinung, wiederholte die Gruende, aus denen ein Rueckzug notwendig sei, wies insbesondere noch auf den ueblen Zustand der englischen Armee hin, der ohne Reorganisation ihr erfolgreiches Eingreifen in einen Kampf aussichtslos erscheinen lasse. Jetzt eilte Kitchener nach Paris, am 1. September traf er hier mit French zusammen. Man muss bei French9) die koestliche Schilderung des heftigen Aneinandergeraten der beiden englischen Hartkoepfe lesen. Kitchener siegte: er konnte nach London telegraphieren, dass die englischen Truppen in der Kampflinie blieben, im Einklang mit der Bewegung der Franzosen, wenn auch moeglicherweise hinter ihnen. Nur durch Kitcheners energisches Eingreifen war verhindert, dass die franzoesisch-englische Front direkt auseinanderbrach; ohne ihn waere Joffre nie in die Lage gekommen, wieder eine Offensive aufzunehmen.

Infolge der Weigerung Frenchs, mit dem Rueckzug einzuhalten, erließ nun Joffre am 1. September eine neue Direktive: die drohende Umfassung des linken Fluegels der 5. Armee zwinge zu einer Drehung der Gesamtarmee um die rechte Achse; sobald die 5. Armee der Umfassung entschluepft sei, wuerden die 3., 4. und 5. Armee die Offensive wieder aufnehmen. Doch dies war nur ostentativ gemeint, die wirklichen Absichten Joffres ließ erst die gleichzeitige Geheimnote erkennen: es gelte, die Armeen dem feindlichen Druck zu entziehen, sie in der Linie Yonne—Seine—Aube zu sammeln, um dann zur Offensive ueberzugehen. Es bedeutete, dass Joffre entschlossen war, hinter Seine und Aube zurueckzugehen. Ja, auch hier wollte er noch keineswegs unbedingt haltmachen, wie sich daraus ergibt, dass er Order gab, zu pruefen, wie weit die Linie Briare—Morvan—Dijon—Besancon im Verteidigungszustand sei102). Einen weiteren Einblick in die Absichten Joffres geben seine Weisungen an Sarrail, den Oberbefehlshaber der 3. Armee: er hatte am 31, August einen aussichtsreichen Vorstoß auf das rechte Marneufer eingeleitet, erhielt nun am 1. September Befehl, bis Bar-le-Duc zurueckzugehen, am 2. September gar die Weisung, bis Joinville an der Marne zu weichen. Das hieß Aufgabe Verduns. Nur dadurch, dass Sarrail diese Weisungen des Oberkommandierenden ganz zoegernd ausfuehrte, kam es, dass, als die neue Schlacht begann, die Verbindung der Kampffront mit Verdun noch bestand.

 

Aus alledem ergibt sich klar, dass bei Joffre von einer ernstlichen Absicht einer Offensive in absehbarer Zeit nicht die Rede war, dass die Worte von einer Offensive in seinen Armeebefehlen nur eine Verzierungsphrase waren, dass er jetzt an einen bedingungslosen Rueckzug dachte, dessen Ende noch ganz unbestimmt war. Treffend sagte Gallieni am 4. September von Joffre11): Wenn er ueber die Seine geht, wird er niemals ueber sie zurueckgehen.

 

Einen letzten Beweis bringt Joffres Verhalten gegenueber French. Unter dem Eindruck der Unterredung mit Kitchener erklaerte sich dieser am 2. September bereit, vor Paris Widerstand zu leisten, unter der Bedingung, dass seine Flanke gedeckt werde. Der franzoesische Kriegsminister Millerand befuerwortete es12. Aber Joffre — lehnt ab; ein Widerstand gegen das deutsche Vordringen sei zur Zeit noch nicht moeglich; die Englaender sollen kurze Zeit an der Marne haltmachen, dann aber sich auf das linke Ufer zurueckziehen. Der schoene einheitliche zielbewusste strategische Rueckzug Joffres und sein schnell entschlossenes Aufnehmen der Offensive im richtigen Moment existiert nur in der frisierten spaeteren Darstellung; in Wirklichkeit versucht Joffre auch nach den Grenzschlachten wiederholt eine Offensive mit ungenuegenden Mitteln, und es ist nicht sein Verdienst, dass dies nicht zur Vernichtung des Heeres fuehrte. Gerade aber im entscheidenden Augenblick ist er umgekehrt zu bedingungslosem Rueckzug hinter die Seine und noch weiter entschlossen.

 

In diesem Stadium der Dinge greift nun Gallieni maßgebend ein13. Er war am 26. August zum Gouverneur von Paris ernannt. Er hatte sofort vom Kriegsminister, um die Hauptstadt wirksam verteidigen zu koennen, eine Operationsarmee gefordert. Demgemaeß wird Maunoury mit der 6. Armee, als er bei seinem Rueckzug in den Bereich der Festung gekommen, unter Gallieni gestellt. Am 3. September mittags bringen Fliegermeldungen Gallieni die Nachricht von der Ostschwenkung der deutschen 1. Armee. Sofort sagt er zu seinem Stabschef General Clergerie: Eh bien, s'ils ne viennent pas a nous, nous irons a eux avec tout ce qu'il nous sera possible d'y mettre. Clergerie erklaert nach der Konferenz: On va leur taper dans le flanc. Am 4. September frueh sendet Gallieni zur Rekognoszierung Kavallerie und Flieger aus14, die die Nachricht von gestern bestaetigen. In einem Bulletin teilt er dies seinen Unterfuehrern mit; zugleich erlaesst er um 9 Uhr aus eigener Initiative und ohne eine Instruktion Joffres einzuholen, Order an Maunoury: "Ich habe die Absicht, Ihre Armee in Verbindung mit den englischen Truppen vorwaerts in ihre (die deutsche) Flanke zu werfen"; jener solle sorgen, dass seine Truppen am Nachmittag abmarschbereit seien. Weiter trifft Gallieni Anweisungen, um die Armee Maunoury durch alle verfuegbaren Truppen zu verstaerken, gibt ihr das I. Korps und die 45. Division. Gallieni ist also von Anfang an gewillt, auch die Englaender in die Operation mit hineinzuziehen; das heißt, er will nicht bloß einen lokalen Flankenstoß Maunourys gegen Kluck, sondern eine Offensive des gesamten linken Fluegels. Um 11 Uhr ist Maunoury, telefonisch herbeigerufen, bei Gallieni; alle noetigen Verabredungen werden getroffen. Erst jetzt wendet sich Gallieni telefonisch an Joffre15, teilt die von ihm eingeleiteten Maßnahmen mit. Aber — bei jenem findet er wenig Entgegenkommen. Joffre telegraphiert um 1 Uhr — die Antwort trifft etwas vor 3 Uhr bei Gallieni ein —, dass er mit einer Offensivbewegung der Armee Maunoury einverstanden ist, aber er will sie — suedlich der Marne, suedlich von Lagny machen16. Das ist sachlich das Gegenteil von dem, was jetzt Gallieni will; das heißt, dass Joffre auf seiner Anschauung beharrt, den Rueckzug bis an die Seine fortzusetzen. Wie wenig ernst es ihm mit der Offensive ist, zeigt sich darin, dass er sich nach der Telefonmeldung Gallienis bei der Regierung beklagt, jener wolle ihn zu vorzeitiger Offensive draengen. Noch klarer tritt dies zutage in der Weisung, die Joffre gleichzeitig an French gibt: mit der Ausfuehrung des Plans der Anweisung vom 2. September sei fortzufahren; ein Kampf sei erst zu beginnen, wenn alle Kraefte vereinigt waeren; nur fuer den Fall, dass die deutschen Armeen ihren Abmarsch nach Suedsuedost weiter fortsetzten und sich weiter von Paris entfernten, koenne vielleicht eine Aktion noerdlich der Seine, zwischen Marne und Seine, stattfinden. Das war alles andere eher als ein Eingehen auf Gallienis Ideen.

 

Inzwischen hatte Gallieni aus eigener Initiative versucht, French fuer die beabsichtigte Aktion zu gewinnen. Entsprechend seinem Anerbieten vom 2. September an Joffre, vor Paris standzuhalten, hatte sich French am 3. September Gallieni gegenueber bereit erklaert, seine Armee nach Osten zu werfen, um die 5. Armee zu entlasten117. Doch zur unangenehmen ueberraschung Gallienis ließ er diesem am naechsten Tage, am 4. September, frueh um 8:15Uhr, telefonisch mitteilen2)18, dass er auf die Vorstellung feines Generalstabschefs Wilson — der selbst hier wohl unter dem Einfluss der Anschauungen Joffres ueber die Notwendigkeit weiteren Rueckzugs stand — seinen Entschluss geaendert habe, dass er beabsichtige, am 4. September mit seiner Armee einen Ruhetag zu machen, aber nur, um beim ersten Signal mit dem Rueckzug hinter die Seine zu beginnen. Um diese Entschließung, die die beabsichtigte Offensive unmoeglich machte oder doch mindestens als wenig aussichtsvoll erscheinen ließ, rueckgaengig zu machen, fuhr Gallieni zusammen mit Maunoury um 1:30 Uhr in das englische Hauptquartier, nach Melun: sie treffen French nicht an, finden nur seinen Generalstabschef Wilson. Dieser verhaelt sich, wie zu erwarten war, ablehnend, verschanzt sich hinter die Direktive Joffres vom 2. September, erklaert, dass er in Abwesenheit von French keine Entscheidung treffen kann, beharrt trotz alles Draengens Gallienis dabei. Um 5 Uhr faehrt Gallieni wieder ab. Um 6:30 Uhr laesst Wilson telegraphisch mitteilen, dass bereits fuer die englische Armee Befehle zur Fortsetzung des Rueckzugs am 5. September ausgefertigt seien19. Erst nach Absendung dieses Telegramms kehrt French zurueck; er billigt die Entscheidung seines Generalstabschefs, laesst um 9 Uhr an Gallieni telegraphieren20, dass er Wilsons Vorschlag eines Rueckzugs fuer den 5. und 6. September annehme. So wenig wie bei Joffre hatte Gallieni bei French Verstaendnis fuer seinen Offensivplan gefunden.

 

Aber er laesst sich durch den Misserfolg bei den Englaendern in Melun nicht entmutigen; er wendet sich um 6 Uhr nochmals telefonisch an Joffre und jetzt gelingt es ihm, diesen zu ueberzeugen, dass die Lage zu einer Offensive angetan ist. Mit dessen Hilfe wird auch bei French in letzter Stunde doch so viel erreicht, dass dieser sich wenigstens bereit erklaert, seine Armee nach Osten Front machen zu lassen, indem er dabei freilich suedlich der Marne bleiben will. Sofort, nachdem er die prinzipielle Zustimmung des Hoechstkommandierenden hat, gibt Gallieni, ohne erst dessen naehere Instruktionen abzuwarten, um 8:30 Uhr Angriffsweisung an Maunoury: er solle am 5. September in Ostrichtung ueber die Marne in Hoehe Meaux vorgehen, am 6. September zusammen mit den Englaendern angreifen, letztere in Linie Coulommiers—Changis.

 

Um 10 Uhr abends erlaesst Joffre seinen beruehmten Angriffsbefehl21: man muesse die gewagte Situation der deutschen Armeen benutzen, um gegen sie alle Kraefte der linken Fluegelarmeen zu vereinigen. Am 5. September seien bei der 6., der englischen, der 5. und 9. Armee alle Vorkehrungen zu treffen, um die Angriffsstellungen einzunehmen; am 6. September sei dann die Offensive zu eroeffnen. Entsprechende Weisungen ergingen am naechsten Tage an die 4. und 3. Armee; am 6. September folgte der fulminante Anruf an die Truppen: „In dem Augenblick, da sich eine Schlacht entwickelt, von der das Wohl des Landes abhaengt, kommt es darauf an, dass alle eingedenk sind, dass es nicht mehr an der Zeit ist, nach rueckwaerts zu schauen; alle Anstrengungen muessen aufgewandt werden, um den Feind anzugreifen und zurueckzuwerfen. Eine Truppe, die nicht weiter vorgehen kann, muss, koste es, was es wolle, das eroberte Terrain festhalten und sich lieber am Platz toeten lassen als zurueckweichen. Unter den derzeitigen Umstaenden kann keine Schwaeche geduldet werden."

Bei dem geschilderten Verlauf der Dinge kann es keinem Zweifel unterliegen, dass der Angriffsentschluß durchaus das Verdienst Gallienis ist. Joffre denkt urspruenglich keineswegs daran, die durch den deutschen Linksabmarsch geschaffene Situation zur Wiederaufnahme der Offensive zu benutzen, ja er widerstrebt sogar dem draengen Gallienis lange und entschieden. Nicht nur dass Gallieni den Entschluss zur Offensive zuerst und ganz selbststaendig gefasst hat, er setzt ihn auch bei Joffre — um von French gar nicht zu reden — nur gegen sehr starken Widerstand und, indem er aus eigener Machtvollkommenheit bereits Anordnungen zur Ausfuehrung trifft, durch. Gallieni, nicht Joffre, ist der geistige Urheber der Marneschlacht22.

 

Die Deutschen und die Alliierten beim Eintritt in die Schlacht.

 

In welchem Zustande und mit welchen Kraeften traten die beiden Gegner in die entscheidende Schlacht ein? Die deutschen Armeen des Westfluegels waren durch die bisherigen Operationen aufs aeußerste angestrengt; sie hatten fast ununterbrochene Kaempfe und erschoepfende Maersche hinter sich. Die 1. Armee war durchschnittlich am Tage 21 bis 26 km marschiert; das Gardekorps bei der 2. Armee hatte in 10 Tagen 263 km, die 3. Armee in 20 Tagen 360 km zurueckgelegt. Die Folgen waren uebermuedung und starke Abgaenge. Diese betrugen im Durchschnitt wohl 40 %, bei vielen Einheiten bis an 5O %. Die 3. Armee war tatsaechlich auf 2,5 Korps zusammengeschmolzen. Sowohl Kluck wie Hausen hatten erklaert, dass ihre Armeen an der Grenze der Leistungsfaehigkeit angekommen seien, dagegen bestand nicht, wie vielfach behauptet ist, ein Mangel an Munition; ja wenn wir einer Angabe Le Goffics23 glauben duerfen, stellt sich das Verhaeltnis der Schuesse bei der 2. deutschen gegenueber der 9. franzoesischen Armee wie 5:1.

Aber auch die Franzosen hatten gewaltige Marschleistungen aufzuweisen und hatten demgemaeß starke Abgaenge. Die 5. Armee hatte Maersche bis zu 60 km ausgefuehrt; sie war aeußerst erschoepft; viele Truppenteile waren der Aufloesung nahe. Die Englaender hatten waehrend des Rueckzugs ein Viertel ihres Bestandes eingebueßt; nur 2000 Mann waren durch Nachschub ergaenzt; die Ausruestung stockte. Die 3. und 4. Armee waren stark mitgenommen; das 12. Korps wies nur noch 6 kampffaehige Bataillone auf. Die 6. Armee war in der Versammlung ueberrascht, durch den Rueckzug sehr geschwaecht; war auf 60.000 Mann reduziert; war in hohem Maße erschoepft und demoralisiert24. Wohl war diese Armee im Lager von Paris wieder aufgefuellt — Gallieni wollte sie wieder auf 150.000 Mann bringen —, aber es hatten dazu nur 2 bis 3 Tage zur Verfuegung gestanden, die doch nicht ausreichten, um bei der Truppe den alten Stand wiederherzustellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Im Gegensatz zu diesen sachlich unbefangenen Werken ist die eingehendste, im einzelnen viel wertvolles Material bietende franzoesische Darstellung, die Gabriel Hanotaux (Histoire illustree de la guerre de 1914. Tome 9—12. Paris, 1920) durchaus apologetisch, will nachweisen, dass die Schlacht militaerisch eine Niederlage fuer die Deutschen war.

2 Dazu kommt aus der neutralen Literatur Eugen Bircher, Die Schlacht an der Marne, Bern 1918. Auf deutscher Seite gab Walter Kolbe, Die Marneschlacht, Bielefeld und Leipzig 1917, auf Grund der bisherigen franzoesischen Publikationen eine Studie ueber den Verlauf der Schlacht.

3 Im vorstehenden sind nur die allerwichtigsten Werke ueber die Marneschlacht genannt. Ein vollstaendiges kritisches Verzeichnis der Literatur ueber die Schlacht, das 378 Nummern umfasst, habe ich in den Mitteilungen des Verbandes Deutscher Kriegssammlungen, Jahrgang 1921, veroeffentlicht.

4 Freiherr v. Freytag-Loringhoven, Generalfeldmarschall Graf v. Schlieffen, Leipzig 1920, S. 142.

5 So Tappen, Bis zur Marne, S. 18. Moltke selbst motiviert die Wegsendung lediglich mit den Verhaeltnissen im Osten, die dort Verstaerkung noetig machten, bevor eine Entscheidung im Westen erreicht werden konnte. Foerster, Schlieffen und der Weltkrieg, S. 34. Kuhl, Marnefeldzug, S. 95.

6 Moltke, Erinnerungen, S. 434.

7 Foch in einer Unterredung mit Maricourt. Echo de Paris, Januar 1920.

8 ueber das Eingreifen Kitcheners vgl. insbesondere George Arthur, Life of Lord Kitchener, London 1920, Bd. 3, S. 50 ff.

9 French, 1914, S. 97.

10 Le Gros, La genese de la bataille de la Marne, S. 100.

11 Le Gros a. a. O. S. 64.

12 Anscheinend uebte das franzoesische Kabinett auf Joffre damals starken Druck aus im Sinne einer Aufnahme der Offensive. Nach Le Bon, Consequences de la guerre, S. 98 waere in einer Sitzung des Kabinetts in Anwesenheit Poincares auf Antrag Briands direkt beschlossen, dem Generalissimus Order zu erteilen, den Rueckzug anzuhalten und den Deutschen eine Schlacht zu liefern. Das Datum ist nicht genannt, doch muss es vor dem 4. September gewesen sein, da an diesem Tage die Regierung nach Bordeaux uebersiedelte. Das Joffre trotz dieses formellen Beschlusses seinerseits an der Rueckzugbewegung festhielt, beweist klar, das; ihm in Wirklichkeit der Gedanke einer Offensive damals noch vollkommen fern lag, dass die betreffenden Saetze seiner Direktiven nicht ernst gemeint waren.

13 Das folgende nach General Gallieni, Memoires. Defense de Paris 1914, Paris 1920 und H. Le Gros, La genese de la bataille de la Marne, Paris 1919.

 

 

 

14 Nach Le Gros S. 104 haette sich Gallieni am 4. September frueh selbst zu den Vorposten der Nordostfront begeben, um sich persoenlich von der Abschwenkung der Deutschen zu ueberzeugen, Gallieni selbst in seinen Memoiren berichtet hiervon nichts.

15 Nach Le Gros S. 114 haetten vormittags zwei Telefongespraeche zwischen Gallieni und Joffre stattgefunden; beide mal haette sich Joffre ablehnend verhalten.

16 Joffre spricht von deux propositions que vous m'avez faites relativoment a l'emploi troupes general Maunoury, von denen er diejenige, die 6. Armee auf das linke Marneufer zu werfen, fuer vorteilhafter halte. Das Gallieni ihm derart 2 Vorschlaege fuer eine Offensive suedlich und eine solche noerdlich der Marne gemacht, kann sich nur auf ein frueheres Stadium der Dinge, wohl den oder 3. September, beziehen; am 4. September denkt Gallieni ausschließlich an eine Offensive noerdlich der Marne und sucht nur fuer eine solche Joffre zu gewinnen.

 

 

17 Gallieni, Memoires, S. 224.

18 Ebd.

19 Le Gros, La genese etc., Q. 153. Gallieni, Memoires, S. 127.

20 Ebd. S. 128.

21 Nach Gallieni (Memoires, S. 133) truege das handschriftliche Original dieser Order drei verschiedene, handschriftlich geaenderte Zeitangaben. Leider sagt uns Gallieni nicht, wie diese Daten lauten und welches die erste urspruengliche ist. Die offizielle Datierung gibt 6 Uhr an (Le Gros, S. 119). Sie duerfte sicher zu frueh sein: denn die telefonische Benachrichtigung von der Angriffsorder fuer die 5., 6. Armee und die Englaender erfolgt an Gallieni um 10 Uhr (Gallieni, Memoires, S. 228); dass sie erst 4 Stunden nach Niederschrift des Angriffsbefehls ergangen sei, erscheint aeußerst unwahrscheinlich. Andererseits ergibt sich aus diesem Telefongespraech mit Gallieni um 10 Uhr, dass tatsaechlich spaetestens um diese Zeit die entscheidenden Entschluesse in Joffres Hauptquartier gefasst sind.

22 Fuer Joffre ist neuerdings vor allem Gabriel Hanotaux (Histoire de la guerre de 1914, T. 9) eingetreten. Sein Haupttrumpf, aber eigentlich sein einziger tatsaechlicher Beweisgrund, abgesehen von Raisonnements, ist die Nachricht, dass nicht allzulange nach 1:30 Uhr nachmittags bei Joffre Kriegsrat stattgefunden habe; hier habe Berthelot abermals fuer einen Rueckzug bis zur Seine plaediert; Joffre dagegen habe schließlich erklaert: Eh bien, Messieurs, on se battra sur la Marne. (Ebendort, Bd. 9, S. 93.) Um 1 Uhr war Joffre, wie sein Telegramm an Gallieni (oben S. 13) beweist, noch entgegengesetzter Ansicht, wollte erst suedlich der Marne, suedlich von Lagny kaempfen. Sollte deshalb jene Angabe wirklich nicht nur ihrem Inhalt nach, sondern auch hinsichtlich der angegebenen Stunde zutreffend sein, so wuerde sie hoechstens beweisen, dass Joffre bei nochmaligem Durchdenken des Problems seine bisherige Auffassung zugunsten jener Gallienis noch vor dem Telefongespraech mit letzterem am Nachmittag aufgab; keineswegs aber kann dadurch die Tatsache aus der Welt geschafft werden, dass Gallieni den ganzen Vormittag ueber zur Offensive draengte, Joffre sie noch um 1 Uhr verwarf.

 

23 Les marais de S. Gond, S. 87.

24 Vgl. insbesondere Gallieni, Memoires, S. 50, 70, 75, 262. Bircher, Beitraege zur Erforschung der Schlacht an der Marne, S. 14.